Feedback-Runde #3: Was macht ein gutes Foto aus?

Feedback-Runde #3: Was macht ein gutes Foto aus?


Szene im Newsroom: Die Seite ist fertig gelayoutet und gelesen – perfekt, ab in die Druckerei damit. Leider fällt niemandem auf, dass das Aufmacherbild genau dasselbe ist wie vor drei Wochen. Oder dass das Stock-Foto aus irgendeinem Polizeieinsatz in Hamburg stammt, erkennbar an der Uniform. Oder dass das Feature-Bild online einfach aus Print übernommen wurde, obwohl im Hive ein Dutzend besserer Alternativen gelegen wären.

Kommt euch das ein bisschen bekannt vor?

Genau deshalb war der Umgang mit Fotos das Thema unserer dritten Feedback-Runde.

✅ Was ein gutes Foto ausmacht

Die Liste, die wir in der Runde zusammengeschrieben haben, ist lang – hier die wichtigsten Erkenntnisse.

  • Ein gutes Foto, darüber waren wir uns einig, hat zuerst einmal ein klares Motiv. Man erkennt auf den ersten Blick, worum es geht.
  • Es erregt Aufmerksamkeit, zieht rein, berührt emotional. Es ist der Einstiegspunkt in die Geschichte, oft der allererste Kontakt, den die Leserinnen und Leser mit unserem Text haben.
  • Aber es reicht nicht, dass ein Bild nur ein Hingucker ist. Es muss auch handwerklich sauber sein, im Layout funktionieren, den richtigen Bildschnitt haben – Stichwort: nicht alles zentrieren, bitte – und auch qualitative Bildeigenschaften (Auflösung, Kontrast, ...) mitbringen.
  • Ein gutes Bild zeigt den entscheidenden Moment, eine Aktion, manchmal auch eine Perspektive, die man so noch nicht gesehen hat.
  • Und ein gutes Bild ist entweder sehr konkret oder sehr abstrakt. Gerade bei Features ist das Dazwischen oft das Problem. Man denke an das lauwarme Symbolfoto, das niemandem wehtut, aber auch niemanden abholt.
  • Ein gutes Bild erzählt eine Geschichte, idealerweise eine, die auch ohne den Text funktionieren würde.
  • Und ja: Es darf auch gestellt und inszeniert sein. Das ist kein Makel, solange es funktioniert und journalistischen Ansprüchen genügt. Heißt: für ein Interview ein Portrait zu inszenieren ist okay, einen Sachverhalt zu faken natürlich nicht.
  • Wenn Menschen drauf sind, gilt: Weniger ist mehr. Lieber ein Porträt mit Ausdruck als eine Gruppe, auf der man niemanden mehr erkennt.

🚫 Was wir bei der Fotoauswahl vermeiden sollten

Diese Dinge sollten wir uns sparen:

  • Das erste Bild im Hive zu nehmen, nur weil's schnell gehen muss, ist bequem – und oft das Problem.
  • Dieselben Fotos, die alle paar Wochen wiederkehren, sind ebenfalls ein Klassiker.
  • Wir haben eigene Fotografinnen und Fotografen, die hervorragende Arbeit machen, und greifen manchmal trotzdem reflexhaft zur Agentur. Die Reihenfolge sollte eigentlich umgekehrt sein.
  • Stock-Fotos sind ein eigenes Kapitel. Zu perfekt, zu plakativ, zu werblich – Beispiel: das iStock-Bild vom lächelnden Paar mit Taschenrechner, das bei Teuerung, Hausbau, Finanzplanung etc. „eh immer passt“. Solche Alibi-Fotos mögen in seltenen Einzelfällen okay sein, in der Summe aber schaden sie.
  • Und bitte: Wenn das Foto ganz offensichtlich nicht in Tirol spielt, dann können wir es nicht für ein Feature vor Ort verwenden.
  • Was außerdem ein Thema war: Verwendungsrechte. Die sind kein Kleingedrucktes, das man optional mitnimmt. Imago-Fotos ohne Fotografen-Angabe (die aber im Original vorhanden ist, man muss sie halt suchen), KI-generierte Bilder ohne Kennzeichnung, manipulierte Fotos – da haben wir eine Verantwortung, die nicht verhandelbar ist.
  • Und nicht immer ist das aktuellste Bild das beste. Manchmal ist ein drei Wochen altes, aber stärkeres Bild die bessere Wahl.

👍 Was wir besser machen können

Wir haben konkrete Dinge festgehalten, an denen sich schrauben lässt:

  • Der wichtigste Punkt, der immer wieder fiel: Zeit nehmen. Die Bildersuche ist keine Schnell-schnell-Übung, sondern zentraler Bestandteil der redaktionellen Arbeit.
  • Online haben wir den Vorteil, Bilder im Falle auch nachträglich ändern zu können – nutzen wir das.
  • Den Bedarf für aktuelle Featurebilder bekannt geben zu können, könnte helfen, damit wir bei wiederkehrenden Themen nicht immer wieder dieselben Bilder verwenden. Wir überlegen uns dazu was.
  • Ein sauberes Briefing für die Fotografinnen und Fotografen ist Pflicht! Worum geht's? Was wird benötigt? Wie groß wird die Geschichte? Generell ist es klug, die Bebilderung von Anfang an mitzudenken.
  • Thema Beschlagwortung: Auch das ist Pflicht. Die Frage, ob sich die Beschlagwortung im Hive auch für Redakteure nachträglich ändern lässt, klären wir.
  • Online ist nicht Print, und die Print-Bilder lassen sich nicht einfach eins zu eins rüberschieben.
  • Wenn ein Bild in Print nachgeschärft oder ausgebessert wird, dann gehört das auch online erledigt.
  • Die Seite ist ganzheitlich zu denken. Stichwort: zwei sehr ähnliche Motive (z. B. Baustellen).
  • Und die Features müssen immer zum Kontext der Geschichte passen – nicht zum Kontext, in dem das Foto ursprünglich entstanden ist. Beispiel: Ausgangsbild = „Kinder mit Adventskranz“, ein Jahr später = „Kinder als unfreiwillige Brandstifter“.
  • Generell höchste Vorsicht bei älteren Fotos: Es könnte z. B. sein, dass die Person auf dem Bild bereits verstorben ist.

🤓 Unser Fazit

Fotos sind kein Beiwerk. Sie sind in Print oft das Erste, was die Leserinnen und Leser sehen, und online im Teaser entscheidend dafür, dass User auf Beiträge klicken. Es lohnt sich in jedem Fall, die paar Minuten mehr zu investieren.

Wobei wie immer gilt: Nicht für jede Frage lässt sich eine Regel festlegen. Ob ein Bild mutig genug ist, ob es die Geschichte trifft, ob es im Layout passt – im Zweifelsfall entscheiden Bauchgefühl und Birne.

Vielen Dank an alle, die teilgenommen und sich eingebracht haben. 👏

Das Protokoll findet ihr in Teams unter Leitfäden/Feedback-Runde. Termin und Thema für die nächste Runde demnächst. Bei Fragen – fragen!